Dem ORF fehlen ab 2027 jährlich 93 Millionen Euro. Die Generaldirektorin zieht vor den Verfassungsgerichtshof und kündigt im eigenen Haus harte Einschnitte an. Mut in zwei Richtungen.
Prinzip vom Verzicht: Je höher eine Führungskraft aufsteigt, desto größer die Verantwortung und desto kleiner die Rechte.
2 Min. Lesezeit5 AbschnitteSituationBezug zur Qualität
Inhalt
Mut in der Führung wird oft mit dem Auftritt nach außen verwechselt. Schwerer ist es, gleichzeitig nach außen zu streiten und nach innen Unbequemes zu verlangen. ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher hat im August 2026 beides getan, und das kurz vor der Übergabe an ihren Nachfolger. Ein Beispiel für die Qualität des Mutes.
Ein goldener Punkt steht zwischen einer hohen Mauer und einem Punktfeld mit Lücken und schickt goldene Pfeile in beide Richtungen – wie Ingrid Thurnher nach außen streitet und nach innen Einschnitte verlangt.
01
Die Lage beim Namen nennen
Situation
Ab 2027 entfällt die Kompensation des Bundes für den weggefallenen Vorsteuerabzug. Dem ORF fehlen dadurch 93 Millionen Euro pro Jahr, während der Beitrag von 15,30 Euro eingefroren bleibt. Thurnher sagte, die Kürzung rühre „an den Grundfesten des ORF“.
Bezug zur Qualität
Mut beginnt mit Klarheit. Wer eine Bedrohung beschwichtigt, erspart sich kurzfristig Ärger und nimmt der Organisation die Zeit zu reagieren.
02
Der Konflikt mit dem Geldgeber
Situation
Mitte August kündigte Thurnher eine Beschwerde beim Verfassungsgerichtshof an und zeigte der Medienbehörde KommAustria an, dass die Kosten des öffentlich-rechtlichen Auftrags von 2027 bis 2029 nicht gedeckt seien. Der Schritt ist durch Rechtsgutachten abgesichert.
Bezug zur Qualität
Es braucht Mut, sich mit denen anzulegen, von denen man abhängt. Thurnher wählt den Rechtsweg und nicht die Schlagzeile. Mut und Sorgfalt gehören zusammen.
03
Die bittere Pille nach innen
Situation
Zugleich bereitete Thurnher die Belegschaft auf eine „bittere Pille“ vor. Der ORF müsse sich „in vielen seiner Teile völlig neu aufstellen“. Eine Beitragserhöhung lehnte sie ab; zuerst werde gespart.
Bezug zur Qualität
Wer nur nach außen kämpft, macht es sich leicht. Glaubwürdig wird der Streit erst, wenn die Führung auch dem eigenen Haus etwas abverlangt. Hier berührt der Mut das Prinzip vom Verzicht.
04
Nicht mit dem Rasenmäher
Situation
Gespart werden soll nicht nach der „Rasenmähermethode“. Auch die Führungsebenen sind betroffen: Führungskräfte sollen künftig größere Bereiche verantworten. Gespräche mit dem Betriebsrat stehen an.
Bezug zur Qualität
Gleichmäßig kürzen ist der bequeme Weg, weil niemand bevorzugt wird. Mutiger ist es, zu entscheiden, was bleibt und was nicht, und oben anzufangen.
05
Mut am Ende der Amtszeit
Situation
Thurnher übergibt das Amt an Clemens Pig. Die Verfassungsbeschwerde ist nach Berichten mit ihm abgestimmt.
Bezug zur Qualität
Am Ende einer Amtszeit wäre es einfach, den Konflikt dem Nachfolger zu überlassen. Thurnher nimmt ihn auf sich und stimmt ihn ab. So übergibt sie ein Haus, das seine Lage kennt.
Das nimmst du mit
Die wichtigsten Lektionen
01
Benenne die Lage, bevor du über Lösungen sprichst.
02
Mut braucht Vorbereitung. Sichere deinen Schritt ab.
03
Fordere von deiner Organisation, was du von anderen forderst.
04
Entscheide, was bleibt, statt überall ein wenig zu kürzen.
05
Überlasse unangenehme Entscheidungen nicht deinem Nachfolger.
Zusammenfassung
Thurnher verbindet zwei unbequeme Schritte: den Rechtsstreit mit dem Staat und den Sparkurs im eigenen Haus. Ob die Beschwerde Erfolg hat, ist offen. Als Führungsbeispiel zählt, dass sie den Konflikt offen führt, ihn fachlich absichert und die Lasten nicht einseitig verteilt.